Öffnungszeiten:
Montag bis Samstag
8 – 21 Uhr

Elisabeth Ziemer: Brücken bauen…Grüne

Ein Kiezspaziergang

Eine kompetentere „Kiezführerin“ kann man sich kaum denken: Elisabeth Ziemer, ehemalige Bezirksbürgermeisterin und Stadträtin, wohnt seit 15 Jahren in der Leberstraße auf der Roten Insel. Sie ist zwar nicht mehr in politischen Amt und Würden, aber als Bürgerin und immer noch Mitglied der GRÜNEN weiterhin engagiert, wenn es um Schöneberger Stadtentwicklung geht. Selbige hat sie als Stadträtin für Gesundheit, Stadtentwicklung und Quartiersmanagement im Bezirk Tempelhof-Schöneberg seit 2002 einige Jahre lang mitbestimmt.

Eine ganz besondere Aura

Die promovierte Kunsthistorikerin findet, dass ihre Rote Insel über eine „ganz besondere Aura verfügt, die Leute anzieht, die etwas machen.“ Unser Kiezspaziergang beginnt deshalb auch am Lebensmittelmarkt Bioinsel, in der Anne Weis und Helmut Welp seit mehr als 25 Jahren die Geschäfte führen und in der Elisabeth Ziemer Stammkundin ist.

In ihrem Kiez verfolgt die Kunsthistorikern sehr genau, was aus ihren Planungen zur Schöneberger Schleife geworden ist, erfreut sich an Lieblingsplätzen wie dem Alten Zwölf-Apostel-Kirchhof, erzählt Geschichten über konspirative Treffen in der Leberschen Kohlenhandlung und dass der „Gusti“, der Gustav-Müller-Platz, Keimzelle der Frauenbewegung war*. Sie ärgert sich über auf alt getrimmte neue Gaslaternen und über Investoren, die ihre Versprechen nicht einlösen. Mit anderen Worten: Sie fühlt sich wohl zwischen all den Widersprüchen, genießt die Lebendigkeit zwischen Cheruskerpark und Naumannstraße, aber auch die Ruhe etwas abseits der städtischen Hektik.

Verbindungen schaffen

Entlang der ehemaligen Bahngleise, die das rote Eiland umschließen, wandeln wir auf den Grün- und Radstreifen in Richtung Gasometer und EUREF-Gelände. „Die Planung für die Grünschleife begann ja schon vor meiner Zeit als Stadträtin für Stadtentwicklung. Ich hab´s kräftig weiterbetrieben und für die Finanzierung gesorgt.“ Übergeben hat sie ihr politisches Amt 2006 an ihre grüne Kollegin Sybill Klotz, die gleich um die Ecke an den Bahngleisen wohnt. „Die große Idee, die hinter der Schleife liegt, ist die Verbindung für Fußgänger und Radfahrer bis hin zum Potsdamer Platz über den Gleisdreieckpark.“

Das Verbindungen schaffen und Brücken bauen durchzieht denn auch das Wirken von Elisabeth Ziemer. Die lange überfällige S-Bahnanbindung – die kleine, aber feine Fußgängerbrücke zum Crellekiez – der Radweg über den S-Bahntunnel in die Ebersstraße – der Übergang aus der Naumannstraße zur General-Pape-Straße am Südkreuz. „Kleine Verbindungen“, sagt Elisabeth Ziemer, „die den Menschen behilflich sind, den Alltag einfacher zu gestalten, die die Familien im Kiez halten und das Leben mit Kindern erleichtern – das finde ich genial.“

Prestigeobjekte und Freizeitpark

Ganz im Gegensatz dazu sieht sie Prestigeobjekte wie das Gelände rund um den Gasometer, an dessen Entwicklung sie als Grüne kein gutes Haar lässt und das sie gerne einer kulturell-gewerblichen Nutzung zugeführt hätte. „Ein Projekt, das nur dazu benutzt wird, Geld zu machen. Mit erneuerbaren Energien, nachhaltiger Stadtentwicklung oder gar Denkmalschutz hat das alles herzlich wenig zu tun! Hier wurden ständig Versprechungen von Investoren locker in die Runde geworfen, die nicht gehalten wurden, Luftblasen – bis hin zur Sanierung des Gasometers oder den Ausbau der Torgauer Straße.“

Entlang der Torgauer aber in Richtung Südkreuz wurde ganz in ihrem Sinne eine weiträumige Freizeitfläche für die Anwohner entwickelt mit innovativen Spiel- und Fitnessgeräten, mit Spazier- und Radwegen, die gleichzeitig auch eine historische Linie bilden.

kg14-BAuf dem neuen Spiel- und Fitnessgelände Torgauer Straße
 

Geschichte wird gemacht

Da ist die historische Bahnstrecke, der denkmalgeschützte Gasometer als Wahrzeichen des Quartiers, da ist der zukünftige Gedenkort, an dem die alte Lebersche Kohlenhandlung stand, in der sich Widerstand gegen die Nazis organisierte. Gleich hinter dem Südkreuz die Dauerausstellung am Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße, ein historischer Ort des frühen NS-Terrors in Berlin, in welchem sich noch Spuren aus dem Jahr 1933 finden lassen.

An der Grenze zur Roten Insel/Ecke General-Pape-Straße und Löwenhardtdamm ist auch der Schwerbelastungskörper zu besichtigen, ein 1941 bis 1942 errichteter großer Beton-Zylinder, mit dem die Belastung des Untergrundes durch einen von den Nationalsozialisten geplanten, gigantischen Triumphbogen auf der „Achse des Volkes“ simuliert werden sollte – ein Teil der geplanten „Welthauptstadt Germania“. Sonntags finden hier Führungen statt.

Café Achteck – Pissoir für Herren

Wir biegen ein in die Naumannstraße und streifen neue Straßenschilder: „Wilhelm-Kabus-Straße, der war hier CDU-Bürgermeister, politisch und menschlich nicht mein Fall, den kann man getrost vergessen!“ Anders die Hertha-Block-Promenade, die den Leuthener Platz über die Schienen mit dem Kasernengelände an der General-Pape-Staße verbindet. Die Bibliothekarin Hertha Block war aufgrund der Beteiligung am „Bund proletarischer-revolutionärer Schriftsteller“ von SA-Männern verhaftet worden und u.a. im SA-Gefängnis General-Pape-Straße inhaftiert und misshandelt worden.

Auf der gegenüberliegenden Seite ein Zeitzeuge der Jahrhundertwende, ein Café Achteck, eines der wenigen sanierten, 1878 entworfenen Berliner Pissoirs für Herren, welches heute die Firma Wall sponsert und pflegt. Mit dem Firmengründer Hans Wall arbeitet Elisabeth Ziemer heute im Vorstand des Vereins „Denk-mal-an-Berlin“.

Der Friedhof – ein Traum

Auf dem Weg zu Ziemers Lieblingsplatz, dem Alten Zwölf-Apostel-Kirchhof, verweist sie am Gustav-Müller-Platz auf die Königin-Luise-Gedächtniskirche, 1912 eingeweiht und einziger evangelischer Kirchenbau im Kiez.

Für den alten Friedhof, der schon 1864 entstand, als die Insel noch kein Wohngebiet war und Schöneberg außerhalb der Stadt lag, hat Ziemer als Unterstützerin einen Schlüssel für den Hintereingang. Innerhalb von 30 Jahren nach Einrichtung des Friedhofs kam es durch die industrielle Entwicklung Berlins zu einem Massenzuzug, sodass Schöneberg 1898 mit über 100 000 Einwohnern zur Stadt erklärt wurde. „Von Anfang an haben hier gut ausgebildete Verwaltungsleute und Bürgermeister für den gleichzeitigen Bau von Wohnungen und umfassender Infrastruktur gesorgt, so dass sich eine gesunde städtebauliche Mischung entwickeln konnte.“kg14

Auf dem Zwölf-Apostel-Kirchhof Naumannstraße
 

Gräberpaten und Bienenkästen

Auf dem Friedhof wandeln wir durch die Zeiten, alte Gräber, Zeitzeugen, für die man Patenschaften übernehmen kann, Mustergräber, die moderne Grabgestaltung zeigen bis hin zum eingemeißelten QR-Code, der wohl die Grabinschrift ersetzen soll. Der Historiker Johann Gustav Droysen (+1884), der Politiker Max Duncker (+1886) und der Maler Anton von Werner (+1915) liegen hier begraben. Muslimische Bestattungen sind ein neues Angebot, Bienenkästen warten auf Besuch, in der Kapelle gibt es von Zeit zu Zeit Filme und Konzerte. „Ein Traum“, schwärmt die Schönebergerin. Und ganz beseelt geht es entlang der Kolonnenstraße wieder zurück zum Ausgangspunkt unseres kleinen Spaziergangs – zur Bioinsel.

*zum Weiterlesen: Blicke ins Quartier 1949-2000
herausgegeben vom Schöneberg Museum
Jaron Verlag, 2001

 

Text und Fotos: www.ankekuckuck.de

Datenschutzerklärung