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Rafael Strasser: Nachbarn und Refugees welcome

Was haben Flüchtlinge, Kochbücher, alte Saatgutsorten und ein Inselgarten miteinander zutun? Für Rafael Strasser ist die Sache klar – alles Aspekte des Miteinanders, die im Verein Über den Tellerrand e.V. zu integrativen Projekten zusammenwachsen werden: im Zusammenwirken mit Nachbarn, Geflüchteten, der Technischen Universität, vielen begeisterten MitarbeiterInnen und dem Bioladen BIOINSEL.

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Rafael Strasser und Vertreterinnen der Projektteams

 

Keimzelle Rote Insel

Die Keimzelle für all die Ideen, die Menschen miteinander in Kontakt und Austausch bringen sollen, ist seit neuestem der Laden Roßbach/Ecke Gotenstraße. Und wer die offenen Räumlichkeiten betritt, spürt sofort: Das hier ist keine klassische Hilfsorganisation. Hier haben junge Leute das Anliegen, integrative (Geschäfts-)Ideen mit zeitgemäßen Mitteln und unkonventioneller Denke zum Gemeinwohl in die Tat umzusetzen. Einer davon ist Rafael Strasser, 29, Maschinenbau-Ingenieur und „Entdecker“ der Räumlichkeiten auf der Roten Insel.

Nachbarn und Refugees welcome

Seit Juni 2014 wird hier gedacht, projektiert, renoviert und eingerichtet. Seit November 2015 stehen die Räume nun allen Beheimateten und Flüchtlingen aus der Umgebung als Plattform für Begegnungen offen. Das können Kochevents, Basteln, gesellige Abende, Yoga oder Sprachbegegnungen sein. Rafael: „Wir bleiben da frei und offen. Einzige Voraussetzung: was Integratives. Auch wir vom Verein organisieren Veranstaltungen wie Halloween, Kinoabende oder Backen mit Kinderläden. Es geht uns dabei nicht ums Helfen, sondern um den Aufbau von Netzwerken, die uns gegenseitig bereichern.“

Die Geschäftsidee

Hervorgegangen ist der Verein aus einem studentischen Projekt: Eine Geschäftsidee sollte gefunden und konzeptionell umgesetzt werden. Heraus kam ein kleines Kochbuch mit Rezepten aus aller Welt, zusammengetragen von geflüchteten Menschen. Die Idee gefiel und wurde als ausbaufähig bewertet. Der dann gegründete Verein Über den Tellerrand e.V. arbeitete weiter an Projekten, die über das Kochen und in Kochkursen Menschen zusammenführen und dies auch dokumentieren – u.a. in dem sehr schön gestalteten Kochbuch, „Rezepte für ein besseres Wir“, in dem 29 Flüchtlinge ihre Geschichten und ihre Rezepte präsentieren.

Das Projekt wuchs. Eine feste Anlaufstelle musste gefunden werden, ein Platz in der Mitte der Gesellschaft, um Integration mit Leben zu füllen.

Vom Maschinenbau zum Tellerrand

Hier kam Rafael ins Spiel, der über seinen Freund und Gründungsmitglied Gerrit ins Projekt einstieg. Nach dem Maschinenbau-Studium nahm sich Rafael eine Auszeit zur Orientierung, bis er hier das Richtige fand. „Das möchte ich nun weiter mit aufbauen, auch wenns mit Maschinenbau nicht so viel zu tun hat. Ich muss mich mit meinem Job total identifizieren, da kommts nicht auf viel Geld verdienen an. Aber hier siehst du täglich, was du geschafft hast.“ Der Verein mit seinen fünf MitarbeiterInnen finanziert sich über den Verkauf von Kochbüchern und Kochkursen, über Fördermitglieder, Spenden und Projektgelder. Zur Zeit wird das Kochprojekt mit Flüchtlingen in ganz Deutschland initiiert.

Laden-Liebe

Der Laden in der Roßbachstraße 6 hatte zehn Jahre lang leer gestanden und war dementsprechend verwahrlost als die Rolläden hochgingen. Aber Rafael wusste gleich: „Wahnsinn! Das passt. Es dauerte zwar noch ein bisschen, bis der Hausbesitzer dem Verein das Vertrauen schenkte. Aber dann konnte es losgehen.“ Das war auch vorausschauend die richtige Entscheidung, denn inzwischen gibt es die Notunterkunft für Flüchtlinge in der alten Teskeschule Tempelhofer Straße mit ca. 250 Flüchtlingen. Fußläufig ist der Laden also auch für Geflüchtete gut zu erreichen, so dass hier Begegnungen stattfinden können.

Interieur und TU

Beim Laden-Ausbau erwies sich die Zusammenarbeit mit der Technischen Universität – Bereiche Architektur, Urban Design, Stadtplanung und Landschaftsarchitektur – als sehr konstruktiv. „Die suchen immer Bauprojekte, in denen die Studis interkulturelle Planungs- und Bauerfahrung sammeln können,“ erklärt Rafael. Daraus hat sich ein Team entwickelt mit zehn StudenInnen und vier Geflüchteten, die zusammen Mobilar und Interieur im Laden entwickelt haben – von schlichter Schönheit, mit viel Holz, eine funktionale Kochinsel, Esstische und umbaubare Stühle, die auch für Mahlzeiten, die auf dem Boden eingenommen werden, umgestaltet werden können. Sehenswert.

Inselgarten

„Das war ein tolles Projekt“, sagt Rafael, „wir wollen die Kooperation fortführen – und auch in die Außenräume der Roten Insel hineintragen. Bis hin zum Inselgarten als nachbarschaftliches Projekt rund um die Bioinsel.“ Die TU plant und bringt gestalterisches Know-how in der Stadtteil-Entwicklung ein. Rafael: „Da sind wir stark mit eingebunden, wir sind dann die, die den Garten betreiben werden und zwar mit Unterstützung der Bioinsel.“ Bis dahin sind aber noch einige verwaltungstechnische Hürden zu nehmen. Im Frühjahr soll schon gepflanzt werden.

Ökologisches Saatgut

Anne Weis und Helmut Welp, InhalberInnen des Biomarktes, unterstützen als Mitglied der Zukunftsstiftung BioMarkt Projekte und Initiativen, die die ökologische Landwirtschaft stärken. In diesem Rahmen wollen sie auch das Inselgarten-Projekt fördern. Die Idee ist, über die Bereitstellung von samenfesten Sorten zur Diversität beizutragen. Da kann ein Inselgarten zur Aufklärung dienen.

Die Nachbarschaft

Die Beheimateten von der Roten Insel sind jedenfalls rege interessiert. Wenn die Rolläden hoch sind, wird gelugt. Nun geht es darum, die Nachbarschaft zur aktiven Mitgestaltung anzuregen – einladen, Neugier wecken, motivieren, kommunizieren. Die meisten Bewohner sind ersteinmal froh, dass hier nicht ein teurer SchickiMicki-Laden entsteht, der zur Gentrifizierung des Kiezes beiträgt. Das Gegenteil ist wohl eher der Fall. Make the World a better plate!

www.ueberdentellerrand.org

Zukunftsstiftung BioMarkt: www.biomarkt.de

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